Transformationsbarometer 2025: So viel Konsens gibt es wirklich für Nachhaltigkeit
Eine bundesweite Befragung gibt Aufschluss über Verständnis und Akzeptanz von Transformationsprozessen in der deutschen Bevölkerung. Wir fassen wichtige Ergebnisse der Studie zusammen.
Transformation. Ein Begriff, der häufig in politischen Debatten rund um nachhaltigkeitsbezogene gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungsprozesse fällt. Doch was genau versteht die deutsche Bevölkerung darunter? Welche Transformationen werden als notwendig erachtet und wie schnell sollen diese vonstattengehen? Und vor allem: Wie kann nachhaltige Transformation gestaltet werden, damit sie gesellschaftsfähig ist?
Mit diesen Fragen hat sich das Institut für Nachhaltigkeitssteuerung der Leuphana Universität in Lüneburg auseinandergesetzt. Hierfür wurde eine repräsentative, standardisierte Befragung der deutschen (und niedersächsischen) Wohnbevölkerung ab 18 Jahren durchgeführt. Die Ergebnisse wurden nun in der Studie „Transformationsbarometer 2025“ veröffentlicht.
„Transformation“: ein schwer greifbarer Begriff
Mit Blick auf das Begriffsverständnis der deutschen Bevölkerung zeigt sich zunächst, dass „Transformation“ für einen Großteil (58,6%) in erster Linie eine vage oder unkonkrete Begrifflichkeit darstellt. Hier zeigt sich aus Sicht der Autor*innen der Studie bereits ein zentrales Problem: Die Mehrheit der Bevölkerung hat keine Vorstellung davon, was Transformation bedeuten soll. Unter Heranziehung aktueller Forschung empfehlen sie, eine Konkretisierung des Begriffs durch Wissenschaft, Medien und Politik, insbesondere mit ehrlichem Fokus auf vorhandene Herausforderungen und Beteiligungsmöglichkeiten.
Fragt man nach der wahrgenommenen Wichtigkeit der einzelnen globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, kurz: SDGs), kristallisieren sich jedoch einige Themenfelder heraus, die für die deutsche Bevölkerung besondere Priorität aufweisen: Trinkwasserverfügbarkeit (SDG 6), hochwertige Bildung (SDG 4), sowie Gesundheit und Wohlergehen (SDG 3). Am wenigsten wichtig werden die Themen Digitalisierung und künstliche Intelligenz (SDG 9), internationale Kooperation (SDG 17), sowie Zuwanderung und Integration (SDG 10) wahrgenommen.
Klimaschutz (SDG 13) liegt in der Erhebung im Mittelfeld und wird von etwa der Hälfte der Befragten als sehr wichtig betrachtet. Die Werte sind dabei leicht rückläufig im Vergleich zu von der Studie ebenfalls benannten vergangenen Bevölkerungsumfragen, die zu den Hochzeiten von Fridays for Future durchgeführt wurden. Gleichzeitig sehen mehr als 74% große ökologische Risiken mit Blick auf die planetaren Belastungsgrenzen.
Transformation ja, aber wie? Ambivalente Ergebnisse
Besonders ermutigend: Die Ergebnisse zeigen, dass es eine starke Zustimmung zur grundsätzlichen Stoßrichtung nachhaltiger Transformation gibt. Eine deutliche Mehrheit (82,6%) stimmt zu, „dass wir dafür sorgen müssen, dass alle Menschen weltweit ihre grundlegenden Bedürfnisse befriedigen können“. Die damit verbundenen Gerechtigkeitsansprüche sind stark intragenerationaler und noch stärker intergenerationaler Natur.
Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass sich zwei Gruppen mit unterschiedlichen Positionierungen bezogen auf die Richtung nachhaltiger Transformationsprozesse gegenüberstehen: Da gibt es zunächst die „Gestaltungswilligen“ (57,2%), die sich klar für nachhaltige und demokratische Transformationsprozesse aussprechen, inter- und intragenerationale Gerechtigkeit besonders wichtig finden und den Klimawandel so gut wie nie leugnen. Sie befürworten mehrheitlich staatliche Eingriffe im Sinne der Nachhaltigkeit, sind technikoptimistisch und misstrauen entfesselten Märkten. Rund 42% der deutschen Bevölkerung lässt sich stärker den „Skeptikern“ zuordnen, die intergenerationale Gerechtigkeit zwar grundsätzlich wichtig finden, wobei jeder zweite jedoch auch am menschengemachten Klimawandel zweifelt. Staatliche Eingriffe für mehr Nachhaltigkeit werden entschieden abgelehnt, ein Drittel zweifelt zudem an der Demokratie, eine knappe Mehrheit vertraut eher oder sehr in die Kraft freier Märkte.
Vor dem Hintergrund wundert es nicht, dass die gewünschte Geschwindigkeit bei Transformationsprozessen ambivalent ausfällt. So vertritt ein deutlicher Anteil von knapp unter der Hälfte (44,6%) die Meinung, dass Klimaschutz nur langsam und bedächtig erfolgen soll, während die andere Hälfte (51,9%) sagt, Klimaschutz solle so schnell wie möglich verfolgt werden.
Obwohl offensichtliche Differenzen in der gewünschten Geschwindigkeit und Richtung der Transformation existieren, finden sich klare Mehrheiten für verschiedene Politikinstrumente, wie die Renaturierung von Flüssen (89,5%), eine Solar-Dachpflicht für Neubauten (75,8%) oder die Einführung eines Tempolimits (68,8%). Starke oder grundsätzliche Zustimmung gibt es auch für die Nutzung weiterer, grundlegender Strategien für den Klimaschutz, wie die Fokussierung auf Grundbedürfnisse (94,2 %), Regeneration (84%) oder globale Umverteilung (74,5%).
Kommunen am positivsten bewertet bei staatlichem Engagement für Nachhaltigkeit
Das aktuelle Engagement staatlicher Akteure für eine nachhaltige Transformation fällt jedoch insgesamt nicht gut aus. Nur 14,4% sind der Meinung, dass die Bundesregierung sich genug für Nachhaltigkeit engagiere – nur bei der EU (13,8%) ist die deutsche Bevölkerung der Meinung, dass sie sich noch weniger engagiert als sie aus Sicht der Befragten müsste. Am positivsten werden Kommunen bewertet: rund 30% der Befragten sind der Meinung, das Engagement von Kommunen sei „genau richtig“. Geringe Zufriedenheitswerte erzielen auch wirtschaftliche Akteure, während zivilgesellschaftliches Handeln positiver bewertet wird.
Insgesamt machen die Ergebnisse deutlich: Transformation ist möglich – und es gibt einen breiten Konsens in grundsätzlichen Fragen nachhaltiger Transformationsprozesse. Insbesondere Klimaanpassungsmaßnahmen und Instrumente genießen hohe gesellschaftliche Unterstützungswerte. Ein Gelegenheitsfenster, was aus Sicht der Autor*innen genutzt werden sollte. Ein zentraler Schlüssel liegt dabei auch darin, verschiedene Bevölkerungsgruppen angemessen zu berücksichtigen; umverteilende Maßnahmen finden ebenfalls hohe Zustimmung. Das aus Sicht der Bevölkerung zu gering empfundene Engagement für Nachhaltigkeit fast aller gesellschaftlicher Gruppen kann, so die Studie, als Appell für mehr Nachhaltigkeitsmanagement verstanden werden.
Die gesamte Publikation gibt es hier.
