Ein detaillierter Blick auf die NRW-Nachhaltigkeitsstrategie 2026
Wir haben genauer in die neue Entwurfsfassung der weiterentwickelten NRW-Nachhaltigkeitsstrategie geschaut – und die Strategie mit unseren vorab eingebrachten Positionspapieren verglichen sowie das Ziel- und Indikatorensystem analysiert.
Inhalt:
- Hintergrund und Struktur der Strategie
- Abgleich Stellungnahme "Dialog Nachhaltige Kommune NRW"
- Abgleich Stellungnahme "Fachforum Nachhaltigkeit NRW"
- Fokus: Ziel- und Indikatorensystem
- Ein erstes Fazit
Neue Struktur, neuer Look
Der bisherige Weg der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie führte von der Erstveröffentlichung im Jahr 2016 über die erste Fortschreibung in 2020 hin zur Publikation der zweiten Weiterentwicklung als Entwurfsfassung am 04. Dezember 2025. Bevor diese zur finalen Neuauflage wird, werden noch Stimmen und Meinungen im Rahmen eines Konsultationsverfahrens eingeholt. Bis zum 31. Januar kann jede*r daran teilnehmen.
Auf den ersten Blick besticht die neue Strategie mit dem Titel „Leben in Nordrhein-Westfalen“ durch eine kommunikative Darstellungsform, die die Lesefreundlichkeit erhöht und durch zahlreiche Abbildungen Informationen kompakt bündelt. Strukturiert ist das Dokument übersichtlich in vier Hauptteile. Unter „Gemeinsam“ finden sich sechs Zukunftsbilder sowie Details zu wichtigen Themen und Strukturen der Nachhaltigkeit in NRW. Der Abschnitt „Nachhaltig Handeln“ sammelt die sechs neu benannten Transformationsbereiche und sieben Hebel der Strategie. Unter „Heute und in Zukunft“ finden sich Infos zu Steuerung und Monitoring und im Anhang das Ziel- und Indikatorensystem.
Abgleich: Stellungnahme der kommunalen Spitzenebene NRWs
Im Gremium „Dialog Nachhaltige Kommunen NRW“ (DINAKOM) haben Ober-/Bürgermeister*innen, Landrät*innen und Spitzenverbände aus NRW gemeinsam das Positionspapier „Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Nordrhein-Westfalen“ verfasst. Im November 2023 hat NRW Umwelt- und Verkehrsminister Oliver Krischer dieses entgegengenommen.
Das Dokument (mit den ausführlichen Empfehlungen) steht hier zum Download.
Folgende Empfehlungen brachte das Gremium zur Weiterentwicklung der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie ein:
1. Das Ziel- und Indikatorensystem ambitionierter und umfassender aufstellen
Im Rahmen der Weiterentwicklung lag ein Fokus auf dem Herzstück der Strategie, dem Ziel- und Indikatorensystem. Hier ist grundsätzlich ein Fortschritt hinsichtlich inhaltlicher Erweiterung und Qualifizierung zu erkennen, der im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses auch noch weitere Potentiale birgt (sh. auch „Fokus“). Die angewendete Methodik wird dargelegt.
2. Eine einheitliche Nachhaltigkeitsdefinition im Sinne der starken Nachhaltigkeit entwickeln
Eine Herleitung der Nachhaltigen Entwicklung besteht, eine einheitliche Definition als klare Norm bleibt aber im Zuge eines eher offenen Nachhaltigkeitsverständnisses undeutlich. Dieses nimmt deutlich Bezug zu den planetaren Grenzen. Die sechs beschriebenen Zukunftsbilder für NRW haben eher kommunikative als definitorische Funktion.
3. Politikkohärenz durch die Förderung der vertikalen Integration erreichen
Anknüpfungspunkte zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (DNS) sowie zu den Sustainable Development Goals (SDGs) werden angesprochen und ausgebaut, u.a. durch die Einführung von Transformationsbereichen entsprechend der DNS. Die Struktur ist damit vergleichbarer, wobei in den Bereichen inhaltlich andere, NRW-spezifische Schwerpunkte gelegt werden. Die SDGs dienen weiterhin insbesondere beim Ziel- und Indikatorensystem als strukturgebend. Kommunale Strategien werden hinsichtlich struktureller Anknüpfungspunkte und vertikaler Integration weniger betrachtet. Inhaltlich werden die Kommunen teilweise in den Transformationsbereichen adressiert und unter SDG 11 "Kommunalziele". Zudem werden Austauschformate mit Kommunen, wie der „Dialog Nachhaltige Kommunen NRW“, erwähnt.
4. Stärkere Berücksichtigung von Zielkonflikten und Synergien in der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie
Unter dem Stichpunkt „Wechselwirkungen“ werden punktuell „fachlich interessante Einzelaspekte sowie aktuelle Forschungsthemen“ (S. 33) in den Transformationsbereichen und Hebeln angesprochen. Zielkonflikte und Synergien im Rahmen des Zielsystems werden nicht thematisiert.
5. Peer-Review-Prozess zur Evaluierung der Nachhaltigkeitsstrategie
Dieser Punkt wird im Rahmen der Strategie nicht explizit thematisiert. Bestehende Austausch- und Begleitmaßnahmen zur Strategie werden benannt. Weitere entsprechende Prozesse aus dem Projekt K³ der LAG 21 NRW sind bereits vorgeplant, darunter ein Peer Review, und ein parlamentarischer Abend.
6. Nachhaltigkeit im Landeshaushalt
„Finanzen“ werden als Hebel mit den übergeordneten Zielen „Sicherung tragfähiger öffentlicher Finanzen“ und „Handlungsfähigkeit der Landesregierung sichern“ (S.106) aufgegriffen. Ein „Signaling“ soll im Landeshaushalt im Haushaltsjahr 2026 pilotiert und 2027 flächendeckend umgesetzt werden. Damit wird ein erster Schritt zur Verankerung von Nachhaltigkeit im Haushalt gemacht, der aber noch keine wirkungsorientierte Lenkung entfaltet.
7. Rechtliche Rahmenbedingungen für eine stärkere Verbindlichkeit
Auch „Governance“ wird als eigener Hebel benannt, u.a. mit folgendem Anspruch: „Die Landesregierung verankert transparente und nachprüfbare Prozesse und Vorgaben, um Regierungs- und Verwaltungshandeln anhand von Nachhaltigkeitskriterien auszurichten“ (S.122). Eingegangen wird auch auf die Good-Governance-Kriterien des Europäischen Nachhaltigkeitsnetzwerks European Sustainable Development Network (ESDN).
Neben dem Verweis auf die bestehende Nachhaltigkeitsprüfung für Gesetze und Verordnungen werden weitere empfohlene rechtliche Rahmenbedingungen (wie Verfassungsziel, Steuerpolitik, usw.) wenig aufgegriffen.
Empfehlungen zur Umsetzung
Die Empfehlungen zur Stärkung der Umsetzung der Strategie aus dem DINAKOM-Positionspapier wurden, unteranderem weil es sich eher um Begleitprozesse zur Strategie handelt, im Rahmen der Weiterentwicklung der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie weniger in den Fokus gerückt.
Abgleich: Stellungnahme des Fachforums Nachhaltigkeit NRW
Das Fachforum Nachhaltigkeit NRW, in dem seit 2011 mehr als 30 zivilgesellschaftliche Organisationen unter Koordination der LAG 21 NRW agieren, hatte sich ebenfalls im November 2023 mit der Stellungnahme „Weiterentwicklung der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie: Verbindlichkeit, Wirksamkeit und Umsetzung stärken für ein zukunftsfähiges NRW“ in den Prozess eingebracht.
Das Dokument steht hier zum Download.
Folgende Empfehlungen brachte das Gremium zur Weiterentwicklung der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie ein:
1. NRW-Nachhaltigkeitsstrategie als handlungsleitende Dachstrategie
Die Strategie wird als umfassende Zukunftsrichtung inklusive Verknüpfung mit Fachstrategien, wie beispielsweise der Energie- und Wärmestrategie, dargestellt. Eine Herleitung der Nachhaltigen Entwicklung besteht, eine einheitliche Definition als klare Norm bleibt im Zuge eines eher offenen Nachhaltigkeitsverständnisses undeutlich. Dieses nimmt aber deutlich Bezug zu den planetaren Grenzen. Die sechs beschriebenen Zukunftsbilder für NRW haben eher kommunikative als definitorische Funktion. Nachhaltigkeit wird als Querschnittsaufgabe benannt, eine ressortübergreifende Zusammenarbeit bleibt aber über die Interministerielle Arbeitsgruppe hinaus in der Form offen, ebenso wie Arbeitsstrukturen innerhalb der Ministerien.
2. Verbesserung rechtlicher Rahmenbedingungen
Sh. DINAKOM-Empfehlung 7
3. Nachhaltigkeitshaushalt auf Landesebene
Sh. DINAKOM-Empfehlung 6
4. Überarbeitung des Zielsystems
Sh. DINAKOM-Empfehlung 1 sowie Fokus
5. Analyse von Zielkonflikten und Synergien
Sh. DINAKOM-Empfehlung 4
6. Vertikale Integration über die föderalen Ebenen
Sh. DINAKOM-Empfehlung 3
7. Parlamentarischer Beirat für Nachhaltige Entwicklung
Dieser Punkt wird im Rahmen der Strategie nicht thematisiert.
8. Ausbau von Öffentlichkeitsarbeit und Partizipationsformaten
Der Entwurf der Strategie hebt deutlich die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit und Partizipation hervor. Kommunikation wird als Hebel angeführt mit den Zielen „Nordrhein-Westfalen ermöglicht den Dialog aller Bürgerinnen und Bürger mit Politik und Verwaltung zu allen Themen der nachhaltigen Entwicklung“ sowie „Das Land informiert regelmäßig und transparent über den Stand der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie und eröffnet den Bürgerinnen und Bürgern direkte Möglichkeiten zur Beteiligung in Planungsprozess“. Damit wird Kommunikation konsequent mitbedacht, bestehende Angebote werden dargestellt und die Beteiligungsarchitektur wird beschrieben. Die konkrete Umsetzung wird im Dokument nicht direkt beschrieben.
9. Bildung für Nachhaltige Entwicklung in der gesamten Bildungskette
Bildung und Teilhabe stellen einen eigenen Transformationsbereich dar und finden sich in neun Bildungszielen (plus ein Ziel zu Nachhaltigkeitsschulungen für kommunale Beschäftigte) wieder. Als Transformationsbereich wird Bildung für Nachhaltige Entwicklung ausführlich diskutiert und mit Maßnahmen veranschaulicht. Potentiale liegen hier noch in einer stärken Einbindung in die Erwachsenen-/ Berufsbildung sowie Konkretisierung der Zielerreichung.
10. Global Nachhaltige Entwicklung in NRW
Die internationale Verantwortung findet wenig Erwähnung. Die globalen Auswirkungen aller Zielsetzungen und Umsetzungsprozesse werden nicht berücksichtigt und das Engagement der Landesregierung in der internationalen Zusammenarbeit bleibt unklar.
Fokus: Ziel- und Indikatorensystem
Insgesamt lässt sich eine klare thematische Erweiterung und Qualifizierung des Ziel- und Indikatorensystems feststellen. Einige Unterthemen sind allerdings aus der Strategie verschwunden oder werden nicht durch Zielwerte nach den SMART-Kriterien (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert) dargestellt. Daher lohnt sich ein genauerer Blick auf die einzelnen SDGs. Einige Beispiele hier:
SDG 2 (Kein Hunger): Durch Aufnahme der Themen Verbesserung der gesunden Ernährung bei Kindern, Stärkung der pflanzlichen Produktion, Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln, Renaturierung von Landwirtschaftsflächen, Erhöhung der Artenvielfalt und des Tierwohl erfolgt eine thematische Erweiterung. Ausbaufähig ist die SMARTe Formulierung (fehlende Zielwerte zur Messung des Ziels). Die Zielperspektive „ökologischer Landbau“ wurde vom Jahr 2030 auf das Jahr 2035 verschoben.
SDG 7 (Bezahlbare und saubere Energie): Deutliche inhaltliche Erweiterung durch den Einbezug der Themen Kohleausstieg, Verringerung fossiler Energieträger am Primärenergieverbrauch, Deckung des Wärmebedarfs aus Geothermie, Nutzung von Abwasserwärme, Erzeugung von grünem Wasserstoff, Verringerung des Endenergieverbrauchs, Erhöhung der Strom-/Wasserstoffspeicherkapazitäten. Zudem wurden die Ziele und Indikatoren konkretisiert und überwiegend SMART formuliert.
SDG 10 (Weniger Ungleichheiten): Einige Ziele und Indikatoren zu marginalisierten Gruppen, wie schulische Bildungserfolge und Armutsrisikoquote von Menschen mit Migrationshintergrund, Armutsrisiko im Alter oder Überwindung der Diskriminierung von LSBTI, fallen weg. Neu ist die Berücksichtigung von Menschen mit Behinderung bei Neueinstellungen in der Landesverwaltung und inklusiven Sportangeboten. Die SMARTe Formulierung der Ziele ist ausbaufähig.
SDG 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden): Deutliche thematische Erweiterung, insbesondere im Bereich Mobilität aber auch bei Themen wie Reduzierung des Grün-/Freiflächenverlusts in den Siedlungen und nachhaltiges kommunales Handeln (Planung, Schulung und Beteiligung). Die Themen nachhaltiges Bauen und Wohnwende werden nicht thematisiert. Neben der steigenden Differenzierung sind die Ziele insgesamt SMARTer geworden.
SDG 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele): Mit der Streichung des Ziels zur global Nachhaltigen Entwicklung durch Eine-Welt-Politik wird der Aspekt der globalen Verantwortung weniger adressiert. Die „Stärkung von Partnerschaft und Weltoffenheit“ wird auf Sportgroßveranstaltungen (neu) und Internationalisierungserfahrungen in der Wissenschaft fokussiert.
Ein erstes Fazit: Mehr Differenzierung, offene Potentiale
Es ist einiges passiert in der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie. Mit den neuen Transformationsbereichen und Hebeln werden wichtige und NRW-spezifische Themen und Prozesse aufgegriffen und thematisiert. Insbesondere das Ziel- und Kennzahlensystem stand im Fokus der Weiterentwicklung, viele Zielformulierungen sind differenzierter und SMARTer geworden, wobei sich ein genauer Blick in die einzelnen SDGs lohnt. Mit Blick auf Verbindlichkeit, Wirksamkeit und Umsetzung der Strategie bleiben aber auch einige Potentiale offen. Insgesamt punktet der Strategieentwurf mit besserer Lesbarkeit und dem Anspruch mehr Menschen für den Wandel zu begeistern (bspw. durch Zukunftsbilder).
Die Entwurfsfassung zur NRW-Nachhaltigkeitsstrategie 2026 steht hier zum Download: Link
Infos zum Konsultationsverfahren (geöffnet bis zum 31. Januar) hier.
