Kommunikation zwischen Fünfeck und Wärmestrom: Rückblick zur Netzwerktagung rund um kommunale Nachhaltigkeitskommunikation
Auf unserer Netzwerktagung am 02. Juni in Essen übten sich die Teilnehmenden in der Argumentation für ein kommunales Nachhaltigkeitsmanagement und erarbeiteten praktikable Ideen für eine gute Kommunikation von Nachhaltigkeitsmaßnahmen. Einblicke in den Tag und in die inspirierende Keynote hier.
Welche Argumente ziehen noch, wenn Themen der Nachhaltigkeit angesichts akuter Krisen zunehmend in den Hintergrund gedrängt werden? Was für Antworten halten dem Gegenwind stand? Und wie kann neue Begeisterung für eine sozial-ökologische Transformation geweckt werden?
Antworten auf diese Fragen suchten wir gemeinsam mit den 60 Teilnehmenden unserer Netzwerktagung „Nachhaltige Entwicklung im Gegenwind – Kommunikation und Argumente für Kommunen“ am 02. Juni in den Räumen des Regionalverbands Ruhr in Essen.
Im Fokus der Veranstaltung standen neben dem Thema der Nachhaltigkeitskommunikation vor allem Austausch und Vernetzung unter den Teilnehmenden aus verschiedenen Kommunalverwaltungen NRWs.
Start: Zwischen Kontrastimmung und Tatkraft
In ihrem Grußwort stellte Mona Rybicki, Bereichsleiterin bei der LAG 21 NRW, mit Blick auf eine Studie von More in Common, fest, dass Nachhaltige Entwicklung an Priorität zu verlieren scheine. Angesichts aktueller Krisen und geoökonomischer Unsicherheiten würden Themen der Sicherheit gesamtgesellschaftlich als dringlicher wahrgenommen. Dabei sei dies ein Widerspruch: Gerade nachhaltiges Handeln stärke langfristig Sicherheit und Resilienz, erfahre jedoch gerade jetzt zunehmenden Gegenwind. Am Beispiel Klimawandel zeige sich zudem, dass in der Gesellschaft eher hemmende Gefühle dominieren, wie Hilflosigkeit, Enttäuschung und Angst, statt aktivierender Gefühle, wie Zuversicht und Tatkraft. Daraus ergäben sich zentrale Fragen für die Veranstaltung: Wie können wir mit diesem Gegenwind umgehen, positive Zukunftsbilder vermitteln und Menschen für Nachhaltige Entwicklung in Kommunen begeistern?
Daran anknüpfend stellte Rybicki das kommunale Nachhaltigkeitsmanagement mit seinen drei ineinandergreifenden Instrumenten vor. Dieses diene als Basis, um Nachhaltige Entwicklung in der Kommune zu verankern: die Nachhaltigkeitsstrategie gebe eine gemeinsame Richtung, der Nachhaltigkeitsbericht fördere Transparenz und der Nachhaltigkeitshaushalt schaffe die notwendige Verbindlichkeit.
Keynote: Drei Wärmeströme für mehr Hoffnung in die Transformation
Nach einem kurzen Speed-Networking stellte sich Eva Söderman, Kommunikationstrainerin und Mitglied im Netzwerk „Klima kommunizieren“ bei Klimafakten, der Herausforderung, in Zeiten des Backlash für Nachhaltigkeit einzustehen.
Zum Einstieg gab sie eine ehrliche Bestandsaufnahme: Nachhaltigkeitsarbeit gleiche oft Sisyphusarbeit in nicht-nachhaltigen Strukturen. Konkret nannte Söderman drei zentrale Gegenkräfte bzw. Fehlentwicklungen: die Überschreitung der planetaren Grenzen, den wachsenden Druck auf demokratische Strukturen und die Machtverschiebung durch ‚Tech Bros‘ und deren Einfluss auf die Medien- und Kommunikationslandschaft.
Dem stellte sie drei „Wärmeströme“ gegenüber, die Mut und Hoffnung schaffen können. Erstens, das Entwickeln positiver Zukunftsvisionen – die Idee, dass alles viel besser sein könnte, motiviere und könne Sinn stiften. Zweitens, die Betonung der Chancen – Nachhaltige Entwicklung biete für jede*n individuelle Chancen, mit denen für Wandelprozesse begeistert werden könne. Drittens, das gemeinsame Handeln – in der Gruppe erführen wir noch mehr motivierende Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig belegen Studien, dass es den hierfür notwendigen Rückhalt aus der Gesellschaft gebe: die Mehrheit der Bevölkerung spreche sich für mehr Klima- und Umweltschutz aus.
Im Sinne dieser Wärmeströme schloss Söderman ihre Keynote mit dem Appell: „Let´s flood the zone with hope!“.
Rollenspiel: Von Miesepetern und Mutmacherinnen
Anschließend waren die Teilnehmenden dann selbst gefragt: In einem Rollenspiel schlüpften sie in verschiedene Perspektiven der Stadtgesellschaft und diskutierten für die fiktive Kommune Musterstadt die Einführung eines kommunalen Nachhaltigkeitsmanagements. Dabei brachten sie ihre Praxiserfahrungen ein, sammelten typische Gegenargumente und analysierten deren Hintergründe. So ließ sich die Sorge vor noch mehr Arbeit in Musterhausens Fachämtern nehmen, indem das Verständnis von Nachhaltigkeit als Umdenken in laufenden Prozessen und nicht als Zusatzaufgabe gestärkt wurde. Und die Kämmerei konnte überzeugt werden, dass eine wirkungsorientierte Steuerung mit dem Nachhaltigkeitshaushalt langfristig Kosten einsparen kann.
Eine umfassende Dokumentation der zielgruppenspezifischen Argumente veröffentlichen wir in Kürze.
Impuls: Fünf Prinzipien zur Vermittlung nachhaltiger Politik
Um den Teilnehmenden weiteres Handwerkszeug für ihre Nachhaltigkeitskommunikation in der Kommune mit auf den Weg zu geben, stellte Eva Söderman in ihrem Impuls nach der Mittagspause vor, wie mehr Akzeptanz für Nachhaltigkeit geschaffen werden kann und was eine entsprechende Kommunikation berücksichtigen sollte.
Sie stieg mit dem magischen Fünfeck der Akzeptanz ein, das die fünf Prinzipien für die Gestaltung und Kommunikation nachhaltiger Politik abbildet. Maßnahmen nachhaltiger Politik würden in der Gesellschaft dann Rückhalt finden, wenn sie wirksam, fair und einfach seien sowie dem individuellen Nutzen und dem Gemeinwohl dienten. Ein wichtiger Stolperstein sei an dieser Stelle, dass Maßnahmen diese fünf Prinzipen einhalten können und dennoch wenig Akzeptanz finden, wenn sie von der Zielgruppe bzw. Bevölkerung nicht entsprechend gesehen und interpretiert würden. Insofern müsse den Prinzipien auch bei der Nachhaltigkeitskommunikation besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Zudem betonte Söderman die Bedeutung von Werten in der Kommunikation: Unterschiedliche Zielgruppen sprechen auf unterschiedliche Werte an – von Selbstbestimmung über Leistung bis hin zu Tradition. Erfolgreiche Nachhaltigkeitskommunikation müsse daher klar definieren, wen sie erreichen will, welche Werte diese Zielgruppe teilt und welche Vorteile Nachhaltiger Entwicklung für sie im Vordergrund stehen.
Kreativphase: Suche nach erfolgversprechenden Kommunikationsideen
In der anschließenden Kreativphase setzten die Teilnehmenden das Gelernte praktisch um. In Kleingruppen entwickelten sie konkrete Kommunikationsideen zum kommunalen Nachhaltigkeitsmanagement für unterschiedliche Zielgruppen. So entstand beispielsweise die Idee, eine Videoreihe für das Intranet zu drehen, in der einzelne Mitarbeitende aus der Verwaltung ihre Erfahrungen und Erfolge im Hinblick auf den Nachhaltigkeitsbericht teilen, um so regelmäßig positive Aufmerksamkeit für das Instrument innerhalb der Verwaltung zu schaffen. Oder ein Stadtfest unter dem Motto „Nachhaltigkeit macht Spaß!“ zu organisieren, bei dem alle Zielgruppen in der Bevölkerung – seien es Familien mit Kindern, Jugendliche oder Senior*innen – maßgeschneiderte Unterhaltungs- und Infoangebote finden.
Nach einem abschließenden Fazit von Mona Rybicki, in dem sie resümierte, wie viel Hoffnung und Gestaltungsmut wider dem Gegenwind sie an diesem Tag wahrgenommen habe und wie viele Kommunikationsideen und -ansätze entstanden und diskutiert worden seien, konnten die Teilnehmenden die Ergebnisse des Tages aus dem Rollenspiel und der Kreativphase bei einem Museumsgang betrachten und weiterdiskutieren.
Eingeleitet wurde diese zumindest für diesen Tag letzte Vernetzungsmöglichkeit von Pavo Ivković, der den gesamten Tag als Graphic Recorder zeichnerisch begleitet hatte, und ein kurzes visuelles Blitzlicht zu der Veranstaltung geben konnte.
Downloads
Die Ergebnisse des Graphic Recordings teilen wir in Kürze hier und über unsere Kanäle.
Keynote (Eva Söderman): Vom Mut machen & Hoffnung haben: Einstehen für Nachhaltigkeit in Zeiten des Backlash | PDF
Impuls (Eva Söderman): Für mehr Akzeptanz: Wie sollte nachhaltige Politik ausgestaltet und kommuniziert werden? | PDF
Einführung kommunales Nachhaltigkeitsmanagement & Hintergründe Nachhaltigkeitskommunikation (Mona Rybicki) | PDF
