Kommunen als Rückgrat Europas: Nachbericht zur 12. Kommunalen Nachhaltigkeitstagung NRW
Wir fassen die Beiträge unserer 12. Kommunalen Nachhaltigkeitstagung NRW zusammen und unterstreichen Schlüsselerkenntnisse des Tages, der sich um die Rolle der Kommunen für ein nachhaltiges Europa drehte. Zudem finden Sie hier die Präsentationen der vorgestellten Good-Practice-Beispiele.
Frische Ideen, internationale Inspirationen und neue Zuversicht für die kommunale Nachhaltigkeitsarbeit – das stand bei der 12. Kommunalen Nachhaltigkeitstagung am 22. Januar 2026 im Clayton Hotel Düsseldorf zwischen den Zeilen des Tagungsprogrammes. Die Hauptpunkte umfassten Impulse, Keynotes, Talks und Diskussionen mit europäischen Referent*innen sowie Präsentationen von Erfolgsbeispielen aus deutschen, schwedischen und niederländischen Kommunen.
Kommunen als Orte der Problemlösung - Grußworte
Die Tagung startete mit Grußworten von Moritz Schmidt, Leiter des Bereichs „Beratung und Qualifikation“ bei der LAG 21 NRW. Zur Überschrift des Tages, „Europas nachhaltige Zukunft beginnt vor Ort“, erläuterte Schmidt, dass Kommunen Stützen der Demokratie und Transformation sowie Werkstätten der Zukunftsfähigkeit seien. Er benannte jedoch auch den aktuellen Gegenwind, der in der Natur von Umbruchprozessen wie der sozial-ökologischen Transformation liege: „In Zeiten geopolitischer Spannungen und multipler Krisen ist es umso wichtiger, dass wir in Europa enger zusammenrücken, gute Erfahrungen austauschen, aber auch gemeinsam den Herausforderungen trotzen.“
Er verdeutlichte zudem den Wert der Veranstaltung: „Vernetzung ist kein Selbstzweck, sie hilft, gute Ideen zu teilen, durch neue Perspektiven zu besseren Lösungen zu kommen und Resilienz zu stärken."
Auch Dr. Johannes Osing, Beigeordneter für IT und Umwelt beim Städte- und Gemeindebund NRW, unterstrich in seinen Grußworten, dass Kommunen Orte der Problemlösung seien – stellte aber auch klar, dass sie dafür die entsprechende finanzielle Ausstattung erhalten müssten. Zudem forderte er alle Teilnehmenden auf, die Grundfesten der Demokratie auch in kleinen, alltäglichen und privaten Situationen zu verteidigen.
Nachhaltigkeit wächst von unten – Impuls von Staatssekretär Viktor Haase
Auf das turbulente Weltgeschehen bezog sich auch Viktor Haase, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW, in seinem Impuls zur Rolle von Land und Kommunen für ein nachhaltiges Europa. Dem Drang zum Verzagen stellte er Zeichen der Hoffnung entgegen – darunter auch das große Interesse an der KNT. Er formulierte drei Botschaften: „Jetzt erst recht!“, „Wir müssen in Europa näher zusammenstehen“ und „Nachhaltigkeit muss von unten wachsen“.
Zum letzten Punkt führte Staatssekretär Haase das Beispiel der als gescheitert verbuchten Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 an: „Die darauffolgenden Aktivitäten von kommunaler und regionaler Ebene, die es trotz allem weiter versucht haben, haben letztlich zum Klimaprotokoll 2015 und der Agenda 2030 geführt! Deshalb ist es heute so wichtig, was Sie täglich in den Kommunen tun.“
Weiter adressierte er die aktuellen Spannungen, die überall spürbar würden. „Das hat auch viel mit der Frage nach dem funktionierenden Staat zu tun. Funktionieren die öffentlichen Einrichtungen nicht so, wie sie sollen, bietet das Nährboden für das Infragestellen der Demokratie.“ Haase lobte daher die Ausrichtung der Tagung: „Es ist schön zu wissen: Wir sind nicht allein. Europa steht zusammen. Lassen Sie uns gemeinsam handeln.“
Nachhaltigkeit als Strategie für Stabilität – Keynote von Dr. Vlasta Krmelj
Konkrete Einblicke, wie Kommunen Europas Zukunft gestalten – und welche Rolle der Green Deal dabei spielt – gab Dr. Vlasta Krmelj, Bürgermeisterin der Gemeinde Selnica ob Dravi (Slowenien) und Mitglied des European Committee of the Regions. Dr. Krmelj verdeutlichte: „Wir brauchen ein Instrument wie den Green Deal, um lokale Aufgaben nachhaltig zu machen und Resilienz aufzubauen!“
Dem Gedanken, dass der Green Deal eine Last darstelle, stellte sie einen Perspektivwechsel gegenüber: „Es herrscht oft die Idee vor, dass Dekarbonisierung zum Verlust von Arbeitsplätzen und Wirtschaftskraft führe. Aber wenn wir es richtig angehen und industrielle, ökonomische und Handelspolitik klug mitdenken, fördert Dekarbonisierung das Wachstum nachhaltig!“
Auch der Idee, dass in Krisenzeiten keine Investitionen für Gemeingut geleistet werden könnten, begegnete sie mit einem Blickwechsel: „In finanziell engen Zeiten hört man Dinge wie: Wir können uns kein Schwimmbad leisten. Aber: Mit einer integrierten Lösung wird aus dem Schwimmbad ein Schutzraum bei Überschwemmungen oder auch steigender Sommerhitze.“
Für Dr. Krmelj ist Transformation keine rein technische Angelegenheit, sondern ein soziales Projekt. Durch Partizipation der Bürger*innen könne man für dieses mehr Vertrauen und Akzeptanz für den Wandel gewinnen – deshalb lohne sich jede Investition in Sport, Kultur, Orte der Begegnung und die Menschen vor Ort.
Ihre Schlussfolgerung lautet daher: „Sustainability is a stability strategy!“ Also: Nachhaltigkeit ist eine Strategie für Stabilität und lokale Unabhängigkeit, etwa bei Themen wie Energie- oder Lebensmittelsicherheit.
Die Stärke Europas sei die Möglichkeit zur Kooperation. Der interkommunale Austausch von Lösungen für ähnliche Herausforderungen sei eine Trumpfkarte. Gleichzeitig müsse in Europa erkannt werden, dass die Kommunen nicht nur Umsetzungsmechanismus für Dinge sind, die andere auf höherer Ebene entschieden haben – sondern strategische Partner, deren Handeln und deren Mut die Umsetzung des Green Deals entscheiden werden.
Die Präsentation zum Vortrag steht zum Download: PDF
Kommunen stützen Demokratie – Talk zwischen Köln und Selnica ob Dravi
In einem anschließenden Talk tauschten sich Dr. Krmelj, Stephanie Dormann aus der Stabsstelle Strategische Stadtentwicklung der Stadt Köln und Mona Rybicki, Bereichsleiterin „Netzwerke“ der LAG 21 NRW, zur Rolle der Kommunen als lokale Stützen der Demokratie und Transformation aus.
Stephanie Dormann nannte dazu Beispiele kölscher Aktivitäten, um den Entwicklungen an den politisch extremen Rändern entgegenzuwirken. Dazu zählen z.B. die Stärkung der Bibliotheken als dritte Orte und die gezielte Förderung und Anerkennung bürgerschaftlichen Engagements.
Dr. Krmelj beschrieb, wie in Ihrer Gemeinde Partizipationsangebote aufgebaut wurden, die vor allem die Hürde einer Beteiligungsscheu mit kreativen Mitteln meistern mussten. „Wenn Menschen nicht wissen, wie sie über etwas sprechen sollen, weil einfach das Vokabular fehlt, dann schüchtert Partizipation sie ein. Wir haben zum Beispiel einfach Bilder der angestrebten Maßnahmen aufgehangen – und so einfachen Zugang geschaffen.“
Auch Prozesse innerhalb der Kommunalverwaltung wurden angesprochen. Frau Dormann beschrieb hierzu, wie die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts innerhalb der Verwaltung Türen öffnete, neue interne Vernetzungen erschuf und dazu führte, dass die zuständige Stabstelle inzwischen für Nachhaltigkeitsfragen nicht mehr nur auf andere Abteilungen zugehen muss, sondern auch aktiv angesprochen wird.
Dr. Kremlj beschrieb zudem, was Kommunen jetzt von Europa brauchen, um als Demokratie- und Transformationsverstärker wirken zu können: „Weniger Bürokratie, bessere finanzielle Rahmen und mehr Möglichkeiten zum Austausch über Ländergrenzen hinweg.“
KommunalFORUM: Von guten Ansätzen lernen
Anschließend ging es für die Teilnehmenden in die KommunalFOREN, in denen jeweils zwei Kommunen Erfolgsbeispiele zu den Themen Nachhaltigkeitsmanagement, Kreislaufwirtschaft, Mobilität und Demokratieförderung und EU-Partnerschaften präsentierten. Die Präsentationen stehen zum Download:
Integriertes Nachhaltigkeitsmanagement verankern
- Stadt Kleve: Nachhaltigkeit in Kleve - Pascale von Koeverden, Mitarbeitern im FB Klimaschutz, Umwelt und Nachhaltigkeit und Christian Bomblat, Technischer Beigeordneter der Stadt Kleve | PDF
- Gemeinde Tierp (Schweden): Eine ländliche Gemeinde mit einer großen Vision - Frida Johnson, Analystin / Entwicklerin für Qualität und strategische Entwicklung in der Gemeinde Tierp und Sara Sjödal, Bürgermeisterin der Gemeinde Tierp | PDF
Kreislaufwirtschaft voranbringen
- Kreis Lippe: Das Konsortium „Lippe zirkulär“ - Birgit Essling, Leiterin der Geschäftsstelle Lippe zirkulär initiiert durch den Kreis Lippe | PDF
- Stadt Wuppertal: Smart Circular Wuppertal – Simone Jöhren, Projektmanagerin Smart City Stadt Wuppertal & Giulia-Catharina Zimmer, Projektmanagerin Smart Waste Tal der Stadt Wuppertal | PDF
Mit Tempo in die Mobilitätswende
- Kreis Coesfeld: Das Verbundprojekt „BüLaMo – Bürgerlabor Mobiles Münsterland“ - Mathias Raabe, Fachdienstleiter Mobilität und Kreisentwicklung des Kreis Coesfeld | PDF
- Gemeinde Zwolle (Niederlande): Eine lebenswerte und erreichbare Stadt für alle – Syb Tjepkema, Senior policy advisor mobility der Gemeinde Zwolle | PDF
Demokratieförderung & Partnerschaften in der EU
- Zweckverband Eurode: „europäisch denken, regional handeln und lokal aktiv sein“ - Stephanie van den Berg-Thoennißen, Mitarbeiterin der Stadt Herzogenrath | PDF
- Stadt Münster: „Stronger Together“ – Die SDG-Partnerschaftskonferenz in Münster – Nina Dohr, stellv. Leitung des Büros Internationales der Stadt Münster | PDF
Noch mehr kommunale Erfolgsbeispiele zu vielen weiteren Themen finden sich in unserer Best-Practice-Sammlung.
Wie funktioniert die Agenda 2030 vor Ort wirklich? Blick nach Nordeuropa
Nach zwei Runden im KommunalFORUM gab es für die Teilnehmenden spannende Einblicke, wie in Nordeuropa in den Kommunen mit der Agenda 2030 gearbeitet wird. Diese präsentierte Nora Sánchez Gassen, Senior Research Fellow bei Nordregio.
Aus den Ergebnissen einer breiten Befragung in nordeuropäischen Kommunen stellte sie u.a. die benannten Vorteile der Arbeit mit der Agenda 2030 und ihren 17 SDGs vor. Diese könnten das Verständnis, was Nachhaltigkeit eigentlich ist, erhöhen. Die plakativen SDGs würden sich gut für die Kommunikation eigenen und Orientierung für die Arbeit geben. Zudem seien sie stets ein guter Aufhänger, um Engagement zu entfesseln und auf die richtigen Themen zu lenken. Bei der Arbeit mit der Agenda 2030 könnten Kommunen schnell erkennen, wo sie in ihrer Nachhaltigen Entwicklung stehen und wo sie mehr machen müssen.
Als Herausforderung wurden in den Befragungen oft fehlende politische Unterstützung, begrenzte Ressourcen und Kapazitäten, die Komplexität der Agenda 2030 und die teils schwierige Messbarkeit von Fortschritten benannt. Auch die in vielen Kommunen eingefahrene Arbeit in Silos mache die notwendigen ganzheitlichen Ansätze kompliziert.
Nora Sánchez Gassen formulierte als Fazit einen Aufruf: „Wir müssen die Agenda auf der Agenda halten! Auch nach 2030 geht die Arbeit an den globalen Nachhaltigkeitszielen weiter – es braucht dann aber Überarbeitung, neue Prioritäten und gestärkte Mechanismen für Monitoring und Rechenschaft.“
Die Präsentation zum Vortrag steht zum Download: PDF
Podiumsdiskussion: Netzwerke als Transformationsbooster
Für eine abschließende Diskussionsrunde gingen Nora Sánchez Gassen sowie Holger Robrecht, Senior Advisor, Policy & Advocacy bei ICLEI European Secretariat, und Moritz Schmidt, LAG 21 NRW, in den Austausch. Die Frage im Fokus: Was können Netzwerke leisten, um europäische Kommunen zusammen- und Nachhaltige Entwicklung voranzubringen?
Deutlich wurde, dass Transformation Kommunen braucht – und diese Allianzen sowie Mut zum Handeln trotz Unsicherheiten benötigen. Informelle Netzwerke, in denen Ideen ausgetauscht werden können und man sich gegenseitig bestärkt, sind zentral dafür. Sie bieten Gelegenheit, gemeinsam Lösungen und geteilte Erfolgserlebnisse zu entwickeln, die stärker und umfassender für gesamtgesellschaftlichen Wandel wirken.
Doch wie gelingt dies in Zeiten von Krisen, Spannungen und Rechtsruck? Beschrieben wurde, dass in Verwaltungen aufgrund politischer Unsicherheiten oft mehr Vorsicht und Zögerlichkeit entstehe – auch weil wegfallende EU-Regeln als argumentative Stütze weniger zuverlässig würden. Ein Ansatz sei, vermehrt Begriffe wie „Resilienz“, „Sicherheit“ und situativ passende Äquivalente zu nutzen, um die positive Wirkung einer Maßnahme für alle in den Vordergrund zu stellen. Generell würden aber übergeordnete Instrumente, wie eine Nachhaltigkeitsstrategie, unabhängig von Politikwechseln bestehen bleiben und somit Beständigkeit bieten. Gerade in Kommunen habe man unabhängig von der politischen Richtung oder Partei die gleiche Vision, das Leben der Bevölkerung verbessern zu wollen – gestritten wird dann weniger über das Ziel und mehr über den Weg dorthin.
Wichtig, um kommunale Akteur*innen in die Netzwerkarbeit zu bringen, sei es niedrigschwellige Einstiege sowie starken Praxisbezug zu bieten. „Ins Machen kommen“, sei dabei wichtiger als Perfektion. Die Arbeitserleichterung und Qualitätssteigerung (für tägliche Aufgaben wie für strukturelle Rahmen) durch Netzwerkarbeit gilt es hervorzuheben. Dies spare die ständig mangelnden Kapazitäten und führe so schneller ans Ziel. Netzwerken erleichtert Arbeit, schafft Wissen, spart Ressourcen, stärkt Motivation – und kann auf jeder Ebene anfangen.
Aufruf zu mehr Kooperation - Schlussworte
In abschließenden Worten fasste Ariane Bischoff, Mitglied des Sprecher*innenrates der LAG 21 NRW und Stabsleiterin „Nachhaltigkeit und Klimaschutz” der Stadt Solingen, den Tag zusammen und hob hervor: „Wir sollten weiter zusammenhalten und -arbeiten. Denn gerade in Zeiten des Gegenwinds kommen wir nur so voran.“ Der Tag habe gezeigt, wie viele Zukunftsideen schon unterwegs sind – in NRW sowie ganz Europa. Diese gelte es weiter zu teilen, zu justieren und zu verstärken.
Die Präsentationen der KommunalFOREN finden sich in unserer Best-Practice-Sammlung.
Weitere Downloads: Präsentation von Dr. Krmelj (PDF) & Präsentation von Nora Sánchez Gassen (PDF)
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