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Erster Chatbot für Sportvereine: Ein Gespräch mit dem Landessportbund NRW über KI-Assistenten im organisierten Sport

Ilja Wassenhoven

Umfangreiches Wissen einfach zugänglich machen – das hilft insbesondere den zahlreichen Engagierten zwischen knappen Ehrenamtsstunden und hektischem Vereinsalltag. Der LSB NRW setzt dafür einen KI-Chatbot ein. Über Nutzen und Entwicklungsprozess, aber auch wie KI den Sport grundlegend voranbringen kann, haben wir mit Vorstand Ilja Wassenhoven gesprochen.

Der KI-Assistent des Landessportbunds steht Nutzer*innen des Portals VIBSS.DE zur Verfügung, dem Vereins-Informations-, Beratungs- und Schulungs-System des Verbandes.

 

Herr Wassenhoven, was war die erste Anfrage an den KI-Chatbot des LSB NRW?

„Was ist ein Verein?“

Und was wird der Bot inzwischen am häufigsten gefragt?

Das können wir tatsächlich nicht nachvollziehen, da wir die Anfragen nicht speichern. Diese Entscheidung haben wir bei der Programmierung bewusst getroffen, um den Datenschutz konsequent zu gewährleisten.

An wen richtet sich der KI-Assistent auf VIBSS.DE und welche zentralen Ziele verfolgt er?

Der KI-Chatbot auf VIBSS.DE richtet sich in erster Linie an Vereinsmitarbeiter*innen im organisierten Sport, insbesondere an ehrenamtlich Engagierte, Vorstandsmitglieder, Übungsleiter*innen sowie hauptberufliche Kräfte in Sportvereinen und -verbänden. Also genau an diejenigen, die im Alltag regelmäßig mit organisatorischen, rechtlichen oder sportpraktischen Fragestellungen konfrontiert sind und schnelle, verlässliche Unterstützung benötigen.

Zentrales Ziel des Chatbots ist es, den Zugang zum umfangreichen Wissen von VIBSS.DE deutlich zu vereinfachen. Statt sich durch zahlreiche Inhalte und Dokumente zu navigieren, können Nutzer*innen ihre Fragen direkt stellen und erhalten unmittelbar passende, verständlich aufbereitete Antworten. Damit wird Wissen nicht nur schneller auffindbar, sondern auch niederschwelliger nutzbar. Durch diese dialogbasierte Navigation sinken insbesondere die Hürden für Menschen mit wenig digitaler Routine. Gleichzeitig werden Barrierefreiheit und Teilhabe gestärkt, da komplexe Inhalte strukturiert, verständlich und bedarfsgerecht aufbereitet werden. So erreichen wir mehr Menschen im Vereinssport und machen unsere Beratungsangebote insgesamt zugänglicher.

Langfristig geht es auch darum, Wissen stärker zu personalisieren und neue Formen der Interaktion zu schaffen. Der Chatbot fungiert dabei als intelligenter Assistent, der die Inhalte von VIBSS.DE in eine dialogorientierte Form überführt und so einen modernen, zukunftsfähigen Zugang zur Vereinsberatung ermöglicht.

Wie kam es zu der Idee, einen KI-Chatbot speziell für den Vereinssport in NRW zu entwickeln?

Die Idee eines Chatbots stand bei uns schon länger im Raum. Immer wieder hatten wir darüber nachgedacht, wie wir den Zugang zu unserem Wissen noch einfacher und nutzerfreundlicher gestalten könnten. Doch wie so oft im Projektalltag mussten diese Überlegungen zunächst hinter anderen Prioritäten zurückstehen.

Einen entscheidenden Impuls gab schließlich der DOSB, der aktiv auf uns zukam. Aus dieser ersten Anfrage entwickelte sich schnell mehr als nur eine lose Idee. Uns wurde bewusst, welches Potenzial in der Kombination aus unserer umfangreichen Wissensbasis und den Möglichkeiten moderner KI-Technologien steckt. VIBSS.DE bündelt seit Jahren praxisnahes Wissen für Vereine, von rechtlichen Fragestellungen über Organisation und Finanzierung bis hin zur konkreten Sportpraxis. Dieses Wissen zugänglich zu machen, ist unser Kernauftrag. Ein Chatbot konnte genau hier ansetzen: als niedrigschwelliger, jederzeit verfügbarer Zugang zu genau diesen Inhalten.

Welche Erfahrungen konnten Sie im Entwicklungsprozess sammeln?

Im Entwicklungsprozess haben wir vor allem gelernt, dass ein Chatbot-Projekt weit mehr ist, als eine rein technische Umsetzung. Ein zentraler Erfolgsfaktor war die enge Verzahnung von Fachlichkeit, Redaktion und Technik. Die Qualität der Antworten steht und fällt mit der Qualität und Struktur der zugrunde liegenden Inhalte. Unsere bestehende Wissensdatenbank war dabei eine große Stärke. Gleichzeitig hat sich aber auch gezeigt, dass Inhalte teilweise anders aufbereitet werden müssen, damit sie von einer KI sinnvoll genutzt und verständlich ausgegeben werden können.

Ein weiterer wichtiger Punkt war die konsequente Nutzerorientierung. Das Wissen muss in der Sprache und Logik der Zielgruppe vermittelt werden. Deshalb war es entscheidend, typische Fragen und Anwendungsfälle aus dem Vereinsalltag frühzeitig mitzudenken und in die Entwicklung einzubeziehen. Tests mit realistischen Nutzungsszenarien haben uns geholfen, den Chatbot kontinuierlich zu verbessern. Auch das Thema Erwartungsmanagement spielt eine große Rolle. Ein Chatbot kann viel leisten, aber er ist kein Allheilmittel. Transparenz darüber, was gut funktioniert und wo Grenzen liegen, ist wichtig. Sowohl intern als auch gegenüber den Nutzer*innen.

Foto: LSB NRW / Andreas Bowinkelmann

Was können andere Sportverbände davon mitnehmen?

Vor allem drei Dinge: Erstens lohnt es sich, auf bestehende Wissensbestände aufzubauen, diese aber kritisch zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen. Zweitens sollte die Entwicklung interdisziplinär erfolgen. Fachabteilungen, Kommunikation und Technik müssen eng zusammenarbeiten. Und drittens empfiehlt es sich, früh in iterativen Schritten zu arbeiten, also klein zu starten, zu testen und kontinuierlich weiterzuentwickeln, statt direkt eine „fertige“ Lösung anzustreben.

Am Ende ist ein Chatbot kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein lernendes System, das mit den Anforderungen seiner Nutzer*innen wächst. Genau darin liegt aber auch seine große Chance.

Welche Chancen sehen Sie grundsätzlich im Zusammenspiel von Sport, digitaler Vereinsarbeit und KI?

Grundsätzlich eröffnet das Zusammenspiel erhebliche Chancen für die Weiterentwicklung des organisierten Sports. Digitale Werkzeuge und KI‑gestützte Anwendungen können dazu beitragen, Vereinsangebote und -Services weiterzuentwickeln, besser zugänglich zu machen und zugleich deren Qualität sowie Passgenauigkeit zu erhöhen.

Ein zentrales Potenzial liegt in der spürbaren Entlastung des Ehrenamts. Vor allem in der Verwaltung, Gremienarbeit, der Mitgliederkommunikation und der Organisation des Sportbetriebs können Routinetätigkeiten vereinfacht oder automatisiert werden. Darüber hinaus ergeben sich konkrete Unterstützungsmöglichkeiten in der operativen Vereinsarbeit, etwa bei der Planung und Gestaltung von Übungseinheiten oder Trainingsreihen, im Wissensmanagement zur Sicherung von Erfahrungen bei Wechseln im Ehrenamt sowie in der Begleitung von Vereinsentwicklungsprozessen, beispielsweise durch Analysen zur Beteiligung oder Angebotsnutzung.

Diese Entlastung schafft Freiräume für die eigentliche Kernaufgabe des Ehrenamts. Zeit und Engagement können gezielter dort eingesetzt werden, wo sie den größten Mehrwert entfalten: in der Arbeit mit und für die Menschen im Verein. Dies kann Teilhabe fördern, Barrieren abbauen und die soziale Interaktion im Verein stärken.

Und sehen Sie auch Risiken in diesem Bereich?

Foto: Unsplash

Ja, gleichzeitig sind mit dieser Entwicklung auch Risiken verbunden, die aus Sicht des LSB NRW ernst genommen werden müssen.

Ein zentrales Thema ist der Schutz personenbezogener Daten, da Vereine häufig mit sensiblen Informationen zu ihren Mitgliedern arbeiten. Der Einsatz digitaler Systeme und KI erfordert daher klare rechtliche Rahmenbedingungen, transparente Anwendungen und ein hohes Maß an Datensicherheit. Ebenso besteht die Gefahr, dass digitale Lösungen bestehende Ungleichheiten verstärken, wenn Vereine über sehr unterschiedliche technische, finanzielle oder personelle Voraussetzungen verfügen.

Nicht zuletzt darf die Bedeutung des Ehrenamts und der persönlichen Begegnung im Sport nicht durch eine zu starke Technikorientierung verdrängt werden. Digitale Vereinsarbeit und Künstliche Intelligenz können Unterstützung leisten, ersetzen aber nicht das soziale Miteinander, das den Vereinssport Sport auszeichnet.

Die aufgeführten Chancen und Risiken spiegeln unsere derzeitige Perspektive wider. Angesichts der dynamischen Weiterentwicklung von KI begreifen wir diese Einschätzung als Momentaufnahme und sind um eine kontinuierliche Auseinandersetzung bemüht, um entstehende Chancen aktiv zu gestalten und Risiken verantwortungsvoll zu moderieren.

Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um eine verantwortungsvolle KI-Nutzung im Sport zu stärken?

Wir müssen eine Debatte darüber führen, wie wir KI einsetzen wollen – im Kleinen wie im Großen. Aus Sicht des LSB NRW ist KI kein isoliertes Technologiethema, sondern Teil einer nachhaltigen Entwicklung des Vereinssports, die Teilhabe, Vertrauen und Gemeinwohl stärkt. Jede Organisation sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen und Ableitungen für die eigene Arbeit treffen. Als Vorbild kann hierbei der organisationsweite Prozess rund um die Schutzkonzepte auf Basis des Landeskinderschutzgesetzes dienen. Er zeigt, wie durch einen strukturierten, verpflichtenden Reflexionsprozess eine intensive Auseinandersetzung entsteht, die zu einer an die eigenen Strukturen angepassten Haltung führt. Der LSB NRW hat, ähnlich wie andere Organisationen, diesen Prozess bereits 2023 gestartet und in der Folge eine Ethikleitlinie wie auch Orientierungshilfe geschaffen. Diese Papiere bringen die verantwortungsvolle, menschenzentrierte Haltung des LSB NRW zum Thema Künstliche Intelligenz zum Ausdruck und geben insbesondere den Mitarbeitenden Orientierung und Handlungssicherheit im Arbeitsalltag.

Diese Herangehensweise ist längst kein Einzelfall mehr. Viele Organisationen sind ähnlich aufgestellt, weil die operative Arbeit eine klare Rahmung und praktische Handhabbarkeit von KI erfordert. Gerade diese Praxiserfahrungen können als Ausgangspunkt für einen übergeordneten politischen Prozess dienen: Wie wollen wir in NRW, auf Bundesebene und – weitergedacht – in der Europäischen Union mit KI umgehen? Hier liegt die Chance einen europäischen Mittelweg in Bezug auf die globalen KI-Prozesse zu beschreiten. Einen Chancen nutzenden aber Risiken moderierenden Weg. Kurz gesagt: Ja zu KI aber nicht zu allen Konditionen und nicht für jeden Bereich.

Sie sind Mitglied im Fachforum KINE. Welche Erwartungen haben Sie an das Projekt – und welche Impulse erhoffen Sie sich für die Vereinslandschaft?

Als LSB NRW vertreten wir eine sehr heterogene Vereinslandschaft, vom kleinen ehrenamtlich getragenen Verein bis hin zu professionell aufgestellten Organisationen. Vom Projekt KINE erwarten wir daher vor allem praxisnahe Orientierung, wie KI verantwortungsvoll, rechtssicher und niedrigschwellig eingesetzt werden kann. Für die Vereinslandschaft sind insbesondere skalierbare Impulse wichtig, etwa: Leitfäden, Praxisbeispiele und Qualifizierungsformate, die auch Ehrenamtliche ohne technisches Vorwissen erreichen.  Dabei ist uns besonders wichtig, den Fokus nicht auf das technisch Machbare zu legen, sondern auf das, was für Vereine sinnvoll, verantwortbar und tatsächlich hilfreich ist. Fragen des Datenschutzes, der Gemeinwohlorientierung sowie möglicher Abhängigkeiten von großen Tech‑Anbietern sollten dabei konsequent mitgedacht werden.

 

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Weitere Interviews unserer Reihe zu KI-Nutzung im zivilgesellschaftlichen Bereich werden laufend auf der Themenseite "KI & Nachhaltige Entwicklung" veröffentlicht. | Link

Weit verbreitet, wenig qualifiziert: Zum Gespräch mit ZiviZ über KI-Nutzung im gemeinnützigen Sektor. | Link

Eine Wissensgrundlage zu KI-Systemen, von der Technik über aktuelle politische Rahmen bis zu Nachhaltigkeitsfragen, bietet unser Dossier "Künstliche Intelligenz & Nachhaltigkeit". Zum Dossier.

Mehr zu unseren Aktivitäten im Sportbereich bietet unsere Themenseite "Sport & Nachhaltigkeit". | Link

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