Fortschritt mit angezogener Handbremse: Europa-Bericht für Nachhaltige Entwicklung 2026 erschienen
Jedes Jahr wird bewertet, wie weit europäische Länder bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) gekommen sind. Das Fazit fällt gemischt aus: Europa bleibt global führend, doch insgesamt stagniert der Fortschritt. Mehr Kontext hier.
Mit dem 2019 vorgestellten Europäischen Green Deal bekannte sich die Europäische Union dazu, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen.
Seitdem ist viel passiert: die Corona-Pandemie, der Angriffskrieg auf die Ukraine, die öffentliche Abkehr der USA von zentralen Nachhaltigkeitszielen und dem UN-basierten Multilateralismus. Wo stehen EU-Mitgliedsländer und europäische Nachbarländer heute in Sachen Nachhaltige Entwicklung?
Aufschluss darüber gibt der frisch erschienene Europa-Bericht für Nachhaltige Entwicklung des SDG-Transformationszentrums des UN Sustainable Development Solution Network (SDSN) in Zusammenarbeit mit SDSN Europe, dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) und der in Brüssel sitzenden Heinrich-Böll-Stiftung European Union. Er basiert auf der Methodik des globalen SDG-Index des SDSN.
Europa weiterhin globaler Vorreiter
Die gute Nachricht: Im internationalen Vergleich schneiden europäische Länder weiterhin am besten bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele ab. Von den 20 Ländern mit den höchsten SDG-Werten weltweit stammen, mit Ausnahme von Japan, alle aus Europa.
Angeführt wird das Ranking dabei erneut von den nordischen Staaten: Finnland, Schweden und Dänemark belegen die ersten drei Plätze im globalen SDG-Index. Auch Länder wie Deutschland, Österreich oder Norwegen erreichen vergleichsweise hohe Werte.
Insgesamt Stagnation statt Fortschritt: Große Herausforderungen bei Umwelt und Ressourcen
Trotz dieser insgesamt guten Ausgangslage weist der Bericht auch auf deutliche Defizite hin. Europäische Länder, selbst solche, die grundsätzlich hohe Nachhaltigkeitswerte aufweisen, stagnieren stärker, als dass sie substanzielle Fortschritte auf dem Weg der nachhaltigen Transformation erzielen.
Besonders groß sind die Herausforderungen für europäische Länder laut Bericht in den Bereichen, die eng mit Umwelt- und Ressourcenschutz zusammenhängen. Dies betrifft insbesondere die Ziele für eine nachhaltige Landwirtschaft (SDG 2), nachhaltigen Konsum und Produktion (SDG 12), Klimaschutz (SDG 13) und Schutz von Biodiversität (SDG 14 und SDG 15).
Ungleichheiten bleiben bestehen
Und auch mit Blick auf die sozio-ökonomischen Aspekte der globalen Nachhaltigkeitsziele, bei denen europäische Länder typischerweise besser aufgestellt sind, zeigt sich den Autor*innen zufolge ein lediglich gemischtes Bild. Der „Leave-No-One-Behind-Index“, welcher misst, inwiefern Länder soziale Ungleichheiten über alle Bevölkerungsgruppen abbauen, zeigt zwar auch hier für nordische Staaten und Westeuropa Indexwerte über dem Durchschnitt, doch selbst in diesen Ländern deuten sich in einigen Bereichen rückläufige Entwicklungen an.
Ein Beispiel: materielle Deprivation. In mehreren EU-Staaten lässt sich ein leicht steigender Anteil an Menschen beobachten, die sich grundlegende Dinge wie ausreichende Heizung oder unerwartete Ausgaben nicht leisten können.
Politischer Rückenwind lässt nach, insbesondere bei der EU-Kommission
Infolge multipler Krisen und der öffentlichen Abkehr der USA aus dem UN-basierten Multilateralismus scheint auch der politische Rückenwind für Nachhaltige Entwicklung in der EU nachzulassen. So sind seit 2025 Verweise auf die SDGs und die Agenda 2030 weitgehend aus den Arbeitsprogrammen der Europäischen Kommission verschwunden, gleiches gilt für die politischen Leitlinien der zweiten von der Leyen-Kommission (2024-2029).
Gerade strategische Investitionen in saubere Energiequellen seien jedoch nicht nur ein wichtiger Schritt, gerade bei der Klima- und Umweltschutzpolitik back on track zu kommen, sie würden zudem Europas „strategische Autonomie“ sichern. Aus diesem Grund fordern die Autor*innen ein gemeinsames Bekenntnis der EU-Institutionen zu den SDGs und der Agenda 2030, sowie einen zweiten unionsweiten freiwilligen Bericht zur Erreichung der SDGs. Dieser könne sich insbesondere auf die im Europa-Bericht als besonders herausfordernd identifizierten Bereiche wie sozio-ökonomischen Fortschritt und Konvergenz beziehen, gleichzeitig bestehe die Möglichkeit, eine klare Vision samt konkreten Vorschlägen für einen ambitionierten Rahmen nach 2030 zu formulieren.
Wissenschaftlich gestützte Wege für den SDG-Fortschritt in Europa
Der Bericht beinhaltet ebenfalls Empfehlungen für einen zeitnahen und gerechten Übergang zu einem klimaneutralen Europa auf Basis einer Simulation der Auswirkungen der Umsetzung von 35 europäischen nationalen Energie- und Klimaplänen bis 2050. Zentrales Ergebnis: Die Nachhaltigkeitsagenden der europäischen Länder sollten klarere Finanzierungsstrategien, Leitlinien für landwirtschaftliche Emissionen auf der Grundlage von Fairness-Prinzipien, systemischen Perspektiven sowie sozialen und Governance-Dimensionen integrieren.
Nur ein systemischer, sektorübergreifender Ansatz, der durch wissenschaftliche Instrumente und gemeinsame Ziele unterstützt und fortlaufend beaufsichtigt würde, könne langfristig einen wirtschaftlich effizienten, ökologisch nachhaltigen und sozial gerechten Weg zur Klimaneutralität und zur Erreichung der SDGs in ganz Europa bieten.
Zum vollständigen Bericht hier.
