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Besuch aus Rheden (NL): Was wir von unseren Nachbarn lernen – und sie von uns

Eine fruchtbare Begegnung: Die Delegation aus Rheden gemeinsam mit ExpertInnen der LAG 21 NRW. Gemeinde-Direktor Frank Landman (3.v.l.) gab uns ein Interview.

Rheden – das ist eine Gemeinde mit knapp 44.000 Einwohnern, sieben Dörfern, einem Naturpark mit viel Wald. Nicht spektakulär, würde man meinen. Doch knapp 25 Kilometer hinter der deutsch-niederländischen Grenze findet gerade eine kleine Revolution in Sachen Nachhaltiger Entwicklung statt.

Frank Landman ist Direktor der Gemeinde Rheden. Er erklärt im Interview, was es mit dem Besuch bei der LAG 21 NRW in Dortmund auf sich hat, und wieso Kommunen in Sachen Nachhaltigkeit auf ihre BürgerInnen hören sollten.

Herr Landman, was genau macht eigentlich ein Gemeinde-Direktor in den Niederlanden?

Frank Landman: Ich bin verantwortlich für die Weiterentwicklung unserer Gemeinde und die Anliegen der BürgerInnen. Bei uns in Rheden gibt es einen zweiköpfigen „Vorstand“ in der Gemeindeverwaltung: Unsere Stadtsekretärin kümmert sich stärker um die politischen Angelegenheiten der Gemeinde, ich bin für die Entwicklung zuständig.

Eines Ihrer Ziele ist es, dass Rheden nachhaltiger wird. Wie setzen Sie das um?

Momentan sind wir in einem Transformations-Prozess, weg von der traditionellen Verwaltungsstruktur. Eines unserer Ziele ist es, eine sogenannte Netzwerk-Gemeinde zu werden. Wir glauben, dass wir so unseren BürgerInnen besser helfen und in einem engeren, besseren Kontakt mit ihnen stehen können. Denn sie sind ja die Gemeinde, der Grund, warum Rheden existiert. Wir müssen ihren Anliegen und Wünschen zuhören.

Deshalb schicken wir 200 geschulte MitarbeiterInnen in die Quartiere. Sie arbeiten vor Ort mit den Leuten zusammen. Zum Beispiel in Projekten mit Grundschulen und weiterführenden Schulen, aber auch gemeinsam mit Vereinen, Unternehmen und anderen Organisationen. Wir orientieren uns am Triple-Helix-Modell (mehr dazu hier): Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Regierung arbeiten dabei Hand in Hand.

Klar ist: Es soll nicht so laufen, dass die Regierenden alleine im Elfenbeinturm entscheiden, was in Rheden passiert.

Das ist die Transformation, die Sie anstreben?

Genau. Es soll Initiativen geben, die von der Gesellschaft ausgehen – und die Regierung diskutiert mit am Tisch. Aber sie soll nicht allein am Steuer sitzen, sondern ihre Erfahrungen einbringen in den Entscheidungsprozess. Das ist ein moderner Government-Ansatz.

Und es heißt für uns, unsere gewohnte Arbeitsweise aufzugeben. Zuvor gab es in der Gemeinde eine strenge Arbeitsteilung. Die Bereiche Gewerbe, Soziales und andere waren komplett getrennt voneinander. Aber so kann man die dringenden Fragen der EinwohnerInnen nicht klären. Man muss darauf flexibler reagieren können.

Wir haben deshalb alles umorganisiert. Alle Sektoren - insgesamt 400 Angestellte - arbeiten nun zusammen, und zwar angelehnt an die SDGs (Sustainable Development Goals = Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen). Wir haben vier Schwerpunktbereiche (Nachhaltigkeit, Wohlstand, Wirtschaftswachstum, Raumentwicklung)  aus den SDGs identifiziert, darum kümmert sich das Policy-Team. Es ist für die Fragen der EinwohnerInnen zuständig. Gewerbliche Angelegenheiten betreut bei uns das Strategie-Team.

SDGs zum Naschen: Die Nachhaltigkeitsaktivisten in Rheden sind kreativ.

Diese neue Struktur ist der erste Schritt. Wir wollen die Transformation organisch umsetzen, nicht als „Big Bang“. Ein weiterer Schritt ist ein Trainingsprogramm, die „Global Goal Academy“. Dadurch sollen unsere Leute lernen, zielorientierter zu arbeiten, auf die Menschen in der Gemeinde zuzugehen und den eigenen Horizont zu erweitern. Sie sollen erfahren, was es heißt, mit den SDGs zu arbeiten. Diese bilden den Fokus unserer Arbeit, aber sie setzen uns auch Grenzen. Wenn ein Vorgang oder Vorhaben keinem der SDGs entspricht, dann macht man es eben nicht.

Wichtig ist, dass wir die SDGs auf die lokale Ebene herunterbrechen. Für die Bürgerinnen und Bürger dürfen die Nachhaltigkeitsziele nicht abstrakt bleiben – sie müssen verstehen, was dahintersteckt. Gerade sind wir in einem Gemeinschaftsprojekt dabei, die SDGs weiter ins Lokale zu „übersetzen“.

Und es gab schon viele andere Aktionen: Beispielweise haben wir die 17 SDGs in 17 SDGs für Kinder umgeschrieben, als Teil unserer Bildungsarbeit. Ein anderes Projekt war ein landesweiter Rap-Wettbewerb an Schulen – mit Texten rund um die nachhaltigen Entwicklungsziele. Bis 2040 wollen wir eine CO2-neutrale Gemeinde sein. Außerdem ist die Arbeitslosenquote in Rheden hoch – daran arbeiten wir auch. Viele junge Unternehmer wandern ab, dagegen müssen wir etwas tun.  

Sie haben schon einiges angestoßen. Wieso sind Sie nun zu Besuch bei der LAG 21 NRW?

Ich habe einen Mitarbeiter der LAG bei einem Symposium in Spanien getroffen. Wir kamen ins Gespräch und beschlossen, unsere Ideen und Erfahrungen bei einem Treffen auszutauschen. Es war ein großartiges Meeting, mit sehr viel Energie. Wir haben festgestellt, dass wir viele gemeinsame Interessen haben. Eines unserer Vorhaben ist ein Kongress mit Teilnehmenden aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden zum Thema SDGs.

Sie können von den Erfahrungen der LAG 21 NRW profitieren?

Absolut. Ihr arbeitet schon so lange mit den SDGs, in dem Bereich können wir hoffentlich noch viel von euch lernen. Wir hoffen sehr, dass unsere Kooperation weitergeht. Umgekehrt werden wir auch unsere Erfahrungen aus unserem Transformationsprozess und aus der Global Goal Academy teilen. Wir sind hier offen für Ideen, die Akademie ist ja ein Open-Source-Projekt und noch in der Entwicklung.

Wir haben auch über internationale Kooperationen und Städtepartnerschaften gesprochen, wir arbeiten zum Beispiel zusammen mit einer Gemeinde in Ruanda und hatten zuletzt eine Anfrage von den Philippinen. Aber wir können nicht allen Anfragen gerecht werden. Deshalb freuen wir uns, dass die LAG Interesse hat, hier Kontakte weiterzuleiten an andere Gemeinden.

Herr Landman, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte die LAG-21-Pressestelle.

Hier geht es zur Webseite von Rheden 4 Global Goals (in niederländischer Sprache).

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